Die vertikale Wildnisszone: meine tote Ulme als Biotop

Ein klassisches Thema der Permakultur ist die Zonierung. Bei dieser wird die Fläche in Zonen eingeteilt, die bestimmten Zwecken dienen und unterschiedlich starke Pflege benötigen.

Das Konzept werde ich ein anderes Mal noch näher erläutern. Aber eine dieser Zonen möchte ich euch trotzdem schon jetzt vorstellen: nämlich die, die mir am schwersten fiel: die Wildniszone, auch Zone 5 in der Permakultur genannt.

Die Wildniszone ist die Zone, die nur zum Anschauen und lernen und für die Natur da ist. Da macht man gar nichts und beobachtet einfach wie die Natur Probleme löst, um davon zu lernen. Und natürlich bietet diese Raum für viele Lebewesen und Nützlinge von denen auch der Rest des Gartens profitieren kann.

Vielleicht habt ihr ihn schon entdeckt, den Widerspruch? Ich, der Gärtner, soll also eine Fläche einplanen, in der ich nichts anfassen darf.

Von der Wildnisszone soll der Gärtner die Finger lassen…

…sobald sie einmal angelegt ist! Und da ist das Problem: jeder Gärtner ist doch ein Gestalter, der nichts anderes tut, als ständig etwas nach seinen Vorstellungen zu formen und zu optimieren. Oh ja, die Wildniszone ist eine Herausforderung. Eine Ecke einfach mal ein paar Jahre so lassen wie sie ist, ist ja einfach, aber gar nicht eingreifen? Wirklich gar nicht?

Ich dachte schon, ich hätte sie gefunden, meine Wildniszone:

die südöstliche Ecke des Gartens. Ein paar Fichten und Birken, ein paar selbst ausgesäate Sträucher und ziemlich viel Efeu. Die Ecke lag versteckt am Rand und man kam lediglich beim Gartenrundgang hier vorbei.

Laubwald im Garten

Die Wildniszone ist da, wo der Efeu anfängt, oder genauer gesagt, da wo sie endet, habe ich den Efeu eingekürzt damit er nicht den ganzen Garten überwuchert 😉

Aber dann erwähnten die Nachbarn, dass ja die Brombeeren zu ihnen rüber wachsen würden. Gut, dachte ich mir, dann gibt es also einen 50 cm breiten, brombeerfreien Streifen um die Wildniszone.

Dann starb ausgerechnet die Fichte, die ganz versteckt in der Wildniszone stand, ab und verlor alle Nadeln. Eigentlich wär mir das ja egal gewesen, aber der Baum steht direkt neben den Gartenhäuschen von 2 Nachbarn. Da wäre es ungünstig, wenn mal ein Ast abbricht. Und um den Baum fällen zu können, müsste ich erst mal das ganze Unterholz entfernen, damit man da arbeiten kann. Also hier wird es so schnell keine Wildnis geben.

Idee Nr. 2: die vertikale Wildniszone

Also, nächster Versuch. Und zwar kam mir ein anderes Permakultur-Konzept in den Sinn: stapeln. Man kann Gartenelemente ja nicht nur in die Breite verlagern, sondern auch in die Höhe. Und da hatte ich schon ein passendes Eckchen im Garten: die tote Ulme.

Als wir uns das Haus Ende 2014 zum ersten Mal ansahen, hatte ich noch vereinzelte grüne Blättchen am Stamm des Laubbaums gesehen. Das waren die letzen ihrer Art. Als der Kauf dann abgewickelt war, war der Baum schon tot. Eine Ulme war es, die wohl dem Ulmensterben (einer Pilzinfektion, häufig übertragen durch den Ulmenkäfer) zum Opfer fiel.

Mein erster Plan war, die Krone des Baums abzusägen und den Stamm z.B. als Stütze für ein Rankgerüst zu verwenden. Aber irgendwie gab es so viel Dringenderes, dass erst mal gar nichts passierte.

Dann dachte ich mir, vielleicht lasse ich auch die großen Äste stehen, weil sich nämlich super viele Vögel in dem Baum tummeln und man die da prima beobachten kann: die Krone des Baumes ist genau auf Fensterhöhe des 1. Stocks und die Ulme steht nicht weit vom Haus entfernt. Aber die kleinen Ästchen landeten nach jedem Sturm immer überall verteilt auf der Erde.

Abgestorbene Ulme nach 3 Jahren

So sieht die tote Ulme nach 3 Jahren aus: die kleinen Ästchen sind schon größtenteils abgebrochen.

Auch dazu kam es nicht. Also steht die Ulme nach 3 Jahren immer noch so da, wie sie war. Mittlerweile hat sich eine dicke Schicht Moos und Flechten auf den Ästen gebildet, die von zahlreichen Vögeln regelmäßig abgesucht wird. Ein tolles Biotop.

Moos- und Flechtenbeläge auf den Ästen

Hier sieht man den dicken Moos-Panzer auf den Ästen, die noch Rinde haben.

Eigentlich eine optimale vertikale Wildniszone: Der Baum steht so, dass keine Gefahr von abbrechenden Ästen ausgeht, also weit genug weg von Zäunen und Wegen. Da drunter ist ein Gestrüpp. Und an die Zweiglein, die runter fallen, hab ich mich auch schon gewöhnt. Es sind ja auch nicht mehr so viele da oben. Und da ich an die Krone des Baums wegen der Höhe auch gar nicht so einfach dran komme, werde ich da erst mal die Finger von lassen.

Also, ich werde berichten, wie sich meine Wildniszone entwickelt. Hier schon mal ein paar Bilder:

Stamm der toten Ulme mit abgefallener Rinde

An allen dicken Ästen und am Stamm hat sich die Rinde abgeschält.

Samfußrübling auf der toten Ulme

Oje, das „nicht anfassen!“ bei der Wildniszone ist richtig hart: ich habe die Pilze gerade als Samtfußrüblinge bestimmt. Einen sehr wohlschmeckenden Pilz, der im Winter wächst.

Insektenlöcher in einem dicken Ast

Hier ist ein dicker Ast zu sehen, der schon von vielen holzbohrenden Insekten durchlöchert wurde: ein Do-it-yourself-Insektenhotel? 😉

Flechten und Moose auf den abgebrochenen Zweigen

Und zum Abschluss noch diese wunderschöne Märchenlandschaft: Moos und Flechten auf den Zweigen als Nahaufnahme.

 

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